Vor kurzem beschäftigten wir uns zu zweit mit den Worten Jesu aus Lukas 17,1-5, wo er zu seinen Jüngern sagte:
Es ist unmöglich, dass keine Verführungen kommen; aber weh dem, durch den sie kommen! Es wäre besser für ihn, dass man einen Mühlstein an seinen Hals hängte und würfe ihn ins Meer, als dass er einen dieser Kleinen zum Abfall verführt. Hütet euch!
Dann spricht Jesus eindringlich über die Notwendigkeit der Vergebung.
„Diese Worte sind hart“, entrüstet sich mein Gegenüber und mir geht so durch den Kopf, dass genau solch ‚harte’ Worte von Jesus uns schützen vor der Verhärtung unserer Herzen.
Ich möchte das an einem Beispiel aufzeigen:
Ich besuchte einen alten Mann. Es ging ihm nicht gut und er klagte mir den Ärger mit seinem Pächter. Immer wieder werde er von ihm angelogen und so manches ginge schief. Die letzten Pachtzinsen seien auch nicht bezahlt.
Nachdem ich ihm eine Weile zugehört hatte, unterbrach ich ihn: „Segnest du diesen Mann?“ - „Den segnen, nein!“ rief er voller Entrüstung. „So ein Gauner, wie das ist!“ – Ich hakte nach: „Eben, gerade weil er ein Gauner ist… weißt du, wie nötig er deinen Segen hat?“ - Das sass.
Ich merkte, wie es in ihm arbeitete. Ich liess es wirken und verabschiedete mich bald einmal.
Ich kenne diesen Mann als jemand, der Jesus liebt und ihm hingegeben ist. In seinem Eifer fürs Reich Gottes ging er jahrelang in Gefängnisse und brachte den Gefangenen Bibeln und christliche Literatur. Doch die Herausforderung mit dem Gauner direkt vor seiner Haustür hat er wie nicht wahrgenommen.
Etwa ein 9 Monate später bekam ich einen Brief von ihm. Er bedankte sich für meinen guten Rat. Er hätte ihn befolgt und angefangen, seinen Pächter zu segnen. Erst einmal hätte er gemerkt, wie er selber sich dabei veränderte. Und dann, oh Wunder, sei eines Tages sein Pächter gekommen und hätte die ganzen Schulden bezahlt!
Ich musste schmunzeln. Mein Rat, nein! Dieser gute Rat steht in der Bibel, in seiner so gut wie in meiner, und ist eine jener sogenannt ‚harten’ Forderungen Jesu betreffend Feindesliebe.
Manchmal frage ich mich, ob das die Verführung ist, wenn wir meinen, wir wüssten Konflikte besser zu lösen, als Jesus es uns aufzeigt – und dann wie blind sind dafür, wie unsere eigenen Herzen dabei hart und bitter werden, und genau das uns Leiden und Krankheit bringt.
von Felicita Rüedi
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